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º Junges Gemüse, wichtig

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 14.05.2011 º Autor

Der rasche Griff nach drei Bananen, als ich meinen samstäglichen Einkauf wie üblich in der Obstabteilung starte, bringt mir eine unerwartet kritische Behandlung durch eine Angestellte ein, die vermutlich erst Wochen zuvor dem Plakatversprechen einer BILLAbuchkarriere (Achtung: Wortspiel!) erlegen war. Dieses junge Gemüse – bei vorsichtigster Schätzung fünfzehneinhalb Jahre alt – misst mich mit dem mir schon bekannten Blick, der an meinen Beinen beginnt und nach einer Odyssee Homer’schen Ausmaßes doch noch bei meinem Gesicht landet. Dem nicht genug, sagt sie als selbst erwählte Hüterin der Obstwaage mit einer selten gehörten Mischung aus Überheblichkeit und Strenge: „Bananen – Taste 1!“
Ich bin so perplex, dass ich nur instinktiv „Weiß ich“, antworte, lache aber Sekunden später, nachdem ich brav den Preis auf die gelbe Schalenfrucht gepickt habe, über so viel eingebildete Wichtigkeit in mich hinein.
Auf dem Weg zum Ausgang, leicht schnaufend wegen des unterschätzten Gewichts der eben erstandenen Lebensmittel, gehe ich wieder an ihr vorbei. Weil sie von selbst nie auf die Idee kommen würde, will ich spontan die Aufforderung „Korb – erstes Auto rechts!“ an sie richten, lasse es aber bleiben; mein Stolz weigert sich strikt, blödem Gaffen nachträglich die Absolution zu erteilen. Als es ihrerseits nicht einmal zu einem Gruß reicht, tröstet mich zuletzt nur die Hoffnung, dass auch dieses junge Gemüse irgendwann im echten Leben Wurzeln schlagen wird.

º Treichl, Panosch und der Pöbel

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 13.05.2011 º Autor

Der Staat hat eine Bank saniert
Schon bald wird wieder groß kassiert
Im Vorstand regnet’s Schein um Schein
Die Krise scheint vorbei zu sein

Der Staat hat einen heimchauffiert
Dass ihm als Stadtrat nicht passiert
Die allergrößte der Gefahren:
Mit dem Pöbel Zug zu fahren

Warum mich das so echauffiert?
Dem Land, wo niemand sich geniert
Unser aller Geld zu stehlen
Wird es bald an Zukunft fehlen

º Als Drogenkurier ungeeignet

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 08.05.2011 º Autor

Manche Berufsträume werden für mich wohl für immer Schäume bleiben. Zum Oberkellner im Tomaselli fehlt mir sowohl die Balance als auch der nötige Grant, und außerdem würden sich die Gäste über mich beschweren, weil ich ihnen zur Melange nur die FAZ oder den Standard bringe statt der verlangten Geschmacksverwirrungen KronenZeitung oder Österreich. Auch meine Bewerbung als nächster Profitanzpartner für Alfons Haider bei Dancing Stars werde ich erst nach Fertigstellung meiner orthopädischen Tanzschuheinlagen einreichen können.
Eher unerwartet machte ich zuletzt die Erfahrung, dass auch eine Karriere als Drogenkurier außer Reichweite ist. Auf der Fahrt von Salzburg nach Bad Krozingen im Schwarzwald stoppte ich fünfzig Kilometer vor Ulm auf einem Autobahnparkplatz, um einem Freund telefonisch meine baldige Ankunft für das gemeinsame Mittagessen zu avisieren. Ich hatte gerade das Handy aus der Tasche gefischt und war dabei zu wählen, als jemand gegen meine Seitenscheibe klopfte.
Aus unerfindlichen Gründen schaute ich zuerst nach vorne und entdeckte einen LKW mit polnischem Kennzeichen. Irgendeine Fehlschaltung in meinem Hirn verifizierte daraufhin den kleinen, stämmigen Mann, der in einer Winterjacke neben meinem Auto stand, mit felsenfester Sicherheit als dessen Fahrer. Er grinste nicht unfreundlich herein und bedeutete mir, die Scheibe hinunterzulassen. Leider konnte ich weder seinem Gesichtsausdruck noch seiner Gestik entnehmen, was er eigentlich von mir wollte. Weil eine anstrengende Therapiewoche vor mir lag und ich nicht darauf stand, auf dem Weg dorthin ausgeraubt oder auch nur angebettelt zu werden, schüttelte ich heftig den Kopf und drehte den Zündschlüssel.
Er klopfte erneut, diesmal entschiedener. Weil ich blöderweise zu knapp hinter seinem Brummi geparkt hatte, war ein kommentarloses nach links vorne Wegziehen keine echte Option. Also schaute ich mir diesem König der Autobahn genauer an, bereits auf der Suche nach Ausreden, wenn er mich gleich in einem wohl unausweichlichen Gespräch um Geld anpumpen würde.
Deine Ausreden müssen aber wirklich gut sein … Diese gedankliche Erkenntnis schien mir dämlich und zugleich stichhaltig, als ich sah, dass sich die besseren Argumente auf Seiten des Mannes – oder besser: an seinem Gürtel – befanden. Pistole, Handschellen und Schlagstock ragten unter seiner Jacke hervor, und auch sein Gesicht machte plötzlich eine äußerst offizielle Miene. Ich brachte meine blühende Phantasie zum Schweigen, stellte die Zündung wieder ab, öffnete das Seitenfenster und versuchte anschließend, nicht so einfältig zu grinsen wie ich mich fühlte.
„Autobahnpolizei. Passkontrolle.“
Erst jetzt sah ich im Rückspiegel den grünweißen Dienstwagen und seinen Kollegen, der daneben stand, die Arme lässig verschränkt. Mit leicht fahrigen Bewegungen kramte ich das Dokument aus meinem Handschuhfach und reichte es dem Beamten.
„Wollten Sie abhauen?“, fragte er und blätterte dabei gelangweilt durch das Büchlein.
„Nein.“
Dass ich ihn für einen bettelnden LKW-Fahrer gehalten hatte, konnte ich dem Mann schlecht erzählen. Gleichzeitig war mir klar, wie die ganze Szene auf ihn gewirkt hatte: Ein Österreicher trifft sich mit einem Polen irgendwo in Bayern auf einem unauffälligen Autobahnparkplatz und gibt telefonisch durch, dass er nun zum Austausch der beiden identen Aktentaschen – Heroin gegen Geld, versteht sich – bereit war. Ein bedeutender Fang, und alle Zeitungen würden am nächsten Tag berichten, wie dämlich die beiden waren, ihren Deal am hellichten Tag abzuziehen.
Nachdem der Polizist auch meinen Führerschein kontrolliert und sich nach dem Ziel meiner Reise erkundigt hatte („Sind Sie auf Geschäftsreise?“ – „Nein, ich fahre zu einer Therapiewoche.“), wünschte er mir einen schönen Tag und ging.
Dass mir diese Therapie gut tut, weiß ich schon lange. Meiner Gesundheit zuträglich ist wohl auch die Tatsache, kein erfolgloser Drogenkurrier zu sein.

º Rätselhafte Salome

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 17.04.2011 º Autor

Wie an hohen Feiertagen üblich, dauert die Palmsonntagsfestmesse in der Franziskanerkirche heute so lange, dass ich gemeinsam mit anderen Gläubigen vor dem Eingang auf den Schichtwechsel zum Spätgottesdienst warte. Während mein Blick auf den Strom der heraus Kommenden gerichtet ist, erlebe ich den akustischen Genuss einer Besucherkritik der samstäglichen Opernpremiere im Rahmen der diesjährigen Osterfestspiele.
„Wart ihr in der Salome?“
„Leider nicht.“
„Seid’s froh. Wir haben gelitten! Ein Herodes, der nicht singen kann, und auch sonst …“
Gerne hätte ich mehr gehört, doch das ältere Paar hat es eilig, in die Kirche zu kommen, wohl um die Absolution von diesem Sündenfall einer Opernbesuchs zu erhalten – die paar Spritzer Weihwasser tun ja nicht nur den Palmbuschen gut.
Als ich eine Stunde später beim Tomaselli ins Studium des Standard vertieft bin, fragt mich eine Frau vom Nebentisch in stark frankophon geprägtem Englisch, ob in der Zeitung schon eine Kritik der gestrigen Aufführung zu lesen sei. Unter dem Hinweis auf die Samstagausgabe in meinen Händen verzichte ich darauf, im Kulturteil nachzuschauen.
„Die Musik war ja recht schön, aber die Inszenierung …“ Die elegant gekleidete Dame findet nicht die rechten Worte, ihr Mann nickt nur bedeutungsvoll. „Wissen Sie, ich bin ein höflicher Mensch“, meint sie schließlich. „Deshalb habe ich nicht gebuht. Aber ich war knapp davor. Was sich diese Regisseure dabei denken …“
Wieder zuhause, lese ich in den Salzburger Nachrichten von gestern, was Stefan Herheim, der angesprochene Regisseur, zur Salome sagt: „Das hält kein Mann aus!“
Warum er die Frauen ausklammert, bleibt mir angesichts der gehörten Meinungen ein Rätsel.

º Was Erwin Pröll nicht weiß

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 16.04.2011 º Autor

„Erwin Pröll sagt, was er denkt, und tut, was er sagt.“
Mit dieser Feststellung beendet der Landeshauptmann Niederösterreichs das Interview, welches er am 16.4.2011 im Rahmen der Radioreihe Im Journal zu Gast gibt. So viel Selbstbewustsein erwarte ich mir von einem einflussreichen Spitzenpolitiker, der das bevölkerungsreichste Bundesland schon lange regiert.
Auf diesen Einfluss schon am Beginn der Befragung angesprochen, reagiert Pröll jedoch ungewohnt bescheiden. Da übt sich ein mächtiger Mann derart in Tiefstapelei, dass sogar der erfahrene Politikjournalist Stefan Kappacher hörbar verwundert ist.
„Sie sind einer, der die Fäden zieht in der ÖVP.“
„Ich weiß gar nicht, was ein Fädenzieher ist.“
„Aber Ihr Wort hat doch Gewicht in der Partei.“
„Herr Kappacher, ich habe mein Wort noch nie gewogen.“
Diese Episode offenbart das wahre Dilemma eines gemäßigten Politikers. Er muss mächtig sein um etwas bewegen zu können, darf es aber nicht zugeben um sein Image als Gutmensch zu erhalten. Wenn es ihm aber doch einmal herausrutscht und er „sagt, was er denkt“, entlarvt er damit alle anderen Wortmeldungen als Lüge.
Was Erwin Pröll nicht weiß, aber schleunigst erkennen sollte: Genau dieses Verhalten wird Österreich eines Tages einen Bundeskanzler namens H.C. Strache bescheren. Denn der sagt wirklich, was er denkt.

º Vor dem Frisör, zweimal

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 28.03.2011 º Autor

Schon am Waschbecken bei den Haarkünstlerinnen meines Vertrauens sitzend und auf die längst fällige Kopfwäsche wartend, sehe ich vor dem Fenster des Salons eine Frau mittleren Alters. Grimmigen Blicks fährt sie mit ihren Fingern immer wieder durch die blond gefärbten Haare, schüttelt dann wild den Kopf und holt schließlich einen Kamm hervor, um die Mähne mit energischen Strichen zu bändigen. Die Beobachtung kann ein Wink des Schicksals für mich sein, schwant es mir, während meine Dienstleisterin quer durch den ganzen Raum gehen muss, um eine neue Flasche Shampoo zu holen. Aber wie sollte ich dieses Zeichen interpretieren? Ich versuche mich als Gedankenleser und komme in der gebotenen Kürze auf folgende Lösungen:
· Mit dem Rad statt mit dem Auto zum Einkaufen! Auf so eine blöde Idee konnte nur mein Mann kommen! Der Fahrtwind kommt ja aus allen fünf Himmelsrichtungen – derart ramponiert kann ich mich unmöglich im MaxiMarkt sehen lassen!
· Da drüben steht diese furchtbare Frau Harbacher aus der Bibelrunde! Was kann ich nur machen, um ihr nicht begegnen zu müssen? Ich schaue einfach lange genug weg und beschäftige mich irgendwie mit diesem Kamm. Eine frisch ruinierte Frisur ist mir das wert!
· Nie wieder gehe ich in diesen miesen Laden! Die Tussies haben keine Ahnung von Farbe, Schnitt und Steiling! Rausgeschmissenes Geld, das werde ich all meinen Freundinnen bei der nächsten Kaffeehausrunde erzählen!
Die letzte Variante empfinde ich als nicht besonders ermutigend. In welchem äußerlichen Zustand werde ich vor die Tür treten, wenn die Mädels tatsächlich keinen guten Tag haben? Aber wenn ich jetzt bei schon laufendem Wasser abhaue, werden sie mich für einen komischen Typen halten und nicht mehr ordentlich schneiden …
Ich sehe die Frisörin mit der Flasche in der Hand zurückkommen und will meine innere Spannung durch einem betont lockeren Witz über die Frau vor dem Fenster auflösen. („Die hat sich vom Bild aus dem Frisurmodelkatalog wohl zuviel erwartet, oder?“) Als ich aber wieder hinschaue, ist sie verschwunden. Also lege ich den Kopf zurück und harre ergeben der haarigen Folgen.
„So angenehm?“, fragt die junge Dame während der Kopfmassage. Ich bringe ein Nicken zustande, das diesmal etwa bedeutet: Schau’ ma’ mal, dann wer’ ma’ scho’ seh’n.
Falls es wirklich schiefgeht, bleibt mir die trostvolle Erkenntnis, dass nach dem Frisör immer auch vor dem Frisör ist.

º Sonntagmorgen im Café Classic

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 27.03.2011 º Autor

Ein schöner Sonntagmorgen ist es
Wenn Markus mir seine Tür öffnet
Obwohl ich viel zu früh davor stehe

Ein schöner Sonntagmorgen ist es
Wenn Dana mein Frühstück serviert
Und mich dabei herzlich anlächelt

Ein schöner Sonntagmorgen ist es
Wenn Michael trotz eines Stromausfalls
Hinter der Bar gut gelaunt bleibt

Ein schöner Sonntagmorgen ist es
Wenn die Gäste schwungvoll eintreten
In den Gesichtern Vorfreude auf Genuss

Ein schöner Sonntagmorgen ist es
Wenn ich mich zwischen Zeitung und Croissant verliere
Und für nichts zu wenig Zeit ist

Am schönsten jedoch ist der Sonntagmorgen
Wenn ich beim Abschied gesagt bekomme
Dass ohne mich im Café Classic etwas fehlt

º Valentinstagsterminkollision

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 04.03.2011 º Autor

Das erste Gesprächsthema mit meinem Physiotherapeuten Daniel, den ich montags nach der Arbeit aufsuche, dreht sich meist um das Abschneiden seines Heimatfußballvereins Erzgebirge Aue in der deutschen Meisterschaft, den er beinahe kultisch verehrt. In diesem Jahr eilt die verschworene Bergwerksmannschaft von einem unerwarteten Erfolg zum anderen. Weil ich zuvor vergessen hatte, auf die Ergebnisliste zu schauen, war ich bereits neugierig auf den Spielausgang vom Wochenende.
„Wie hat sich Aue geschlagen?“, lautete deshalb meine erste Frage, während Daniel sich daran machte, meine müde Muskulatur in Schwung zu bringen.
„Gar nicht“, sagte er knapp. „Wir spielen erst heute Abend gegen die Sechziger.“
„Aber das ist doch gut!“, freute ich mich angesichts der Tatsache, dass die Montagspiele live im Fernsehen gezeigt werden. „Aue im Hauptabendprogramm, dazu Bier und Schokolade!“
Noch ehe ich mich fragen konnte, ob sich Daniels ungeahntes Zögern auf meine Menüwahl bezog, wurde sein Gesicht noch länger. „Leider nicht für mich“, murmelte er kaum hörbar in seinen Dreitagesbart, während er intensiv einige Verklebungen aus meinen Oberschenkeln massierte.
„Warum? Arbeitest du heute länger?“
„Im Gegenteil“, grummelte er weiter. „Ich höre sogar früher auf.“
Die schmerzliche Verzweiflung, welche Daniel dabei zur Schau stellte, ließ meine Verwirrtheit ungeahnte Höhen erklimmen. Wodurch mochte er wohl von der Direktübertragung eines Spiels seiner Erzgebirgsmannschaft mit der er seit Jahrzehnten alle Höhen und Tiefen erlebte, abgehalten werden? Der Grund dafür kam ihm nur schwer über die Lippen, aber nach und nach rückte Daniel doch damit heraus.
„Heute ist Valentinstag“, erklärte er. „Seit Heidi und ich in Österreich leben, serviert sie an diesem Tag ein spezielles Abendessen.“
„Und dabei kann man nicht Fußball schauen?“ Ich hatte mir vor der letzten WM extra einen Flachbildschirm mit drehbarem Sockel zugelegt, damit ich auch vom Esstisch aus den Sichtkontakt wahren konnte.
„An normalen Tagen schon“, meinte Daniel. „Aber nicht am Valentinstag. Heidi treibt einen Riesenaufwand, mit handgeschriebener Menükarte und Kerzen in Herzform. Wenn ich da Aue nur erwähne, ist der Teufel los.“
„Du bist schon ein armer Kerl“, tröstete ich ihn und musste daran denken, dass ich jeden Abend selbst für mein Essen sorgen musste, ob nun Valentinstag war oder nicht. „Das schwere Opfer wird dir einst im Himmel vergolten werden.“
„Aber es geht um die Meisterschaft!“, begehrte Daniel auf. „Noch nie waren wir so gut platziert wie in diesem Jahr! Und ausgerechnet gegen 1860 muss ich passen.“
„Weißt du, was wir machen? Ich schaue das Spiel für dich an und schicke dir danach das Ergebnis per SMS. Dafür verrätst du mir nächste Woche, mit welchen kulinarischen Genüssen Heide deinen Verzicht gelindert hat.“
So geschah es. Ich berichtete erfreut von einem Sieg der Auer durch einen Treffer in der Nachspielzeit. Daniel zählte während unserer nächsten Einheit die einzelnen Gänge auf, wobei sein nicht unerheblicher Bauch dabei in wohliger Erinnerung zitterte: Campari Orange – Karotten-Ingwer-Schaumsuppe mit echt steirischem Kürbiskernöl – Tagliatelle mit Lauch, Tomaten und Riesengarnelen – Schokofondue. Die Flasche Schampus fand nur nebenbei Erwähnung.
Angesichts solcher Leckereien wurde mir klar, warum die Nahrungsaufnahme sogar in der männlichen Bedürfnispyramide einen wichtigeren Platz einnimmt als Fußball. Fans von Erzgebirge Aue ticken vielleicht anders, aber ich würde vieles opfern, um auf einen Festschmaus wie diesen nicht verzichten zu müssen. Und die zweite Nachspeise an diesem Valentinstag, über die Daniel dezent schwieg, dürfte kaum weniger süß als das Schokofundue gewesen sein …

º Angst essen Freude auf

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 28.02.2011 º Autor

Der letzte Abend einer Tagungwoche mit Kunden meines Brötchengebers aus halb Europa im bayerischen Inzell wurde von den Original Hochstaufner Buam musikalisch begleitet. Deren Darbietung entsprach durchaus den aus ihrem Namen ableitbaren Erwartungen und blieb trotz zu laut eingestellter Verstärker knapp unterhalb der Schmerzgrenze, bis dem Bandleader der grandiose Einfall kam, seine Wortmeldungen zwischen den Stücken angesichts der versammelten Nationalitäten in einer Fremdsprache (will heißen: eine Sprache, die ihm fremd war) zu machen.
Dem Mann gereicht zur Ehre, dass er es unterließ, für die Schuhplattler und Schnalzer adäquate Übersetzungen zu (er)finden. Noch gescheiter wäre jedoch gewesen, er hätte nie die vertrauten Gewässer seiner Mundart verlassen. Die jenseits der Grenzen des Bayerischen lauernden Untiefen machten ein fatales Scheitern dieses völkerverbindenden Unterfangens unausweichlich.
Die mangelnde Beherrschung des englischen th kann bei viel gutem Willen dem auch auf der Bühne in Strömen geflossenen Weißbier zugeschrieben werden. „Wir danken der Firma Winkhaus“ erfuhr sohin auch gleich seine englische Wiederverwertung mittels „We senk se Firma Winkhaus.“ Spannend wurde es bei „Von Ihnen, von der rechten Seite aus gesehen.“: „From you, from se left side aus“, ließ mich mein Bierglas abrupt absetzen. Und als wenig später der absolute Höhepunkt – se Highpoint – mein Gehör und Gehirn mit voller Wucht traf, erwägte ich spontan eine selbsgewählte Weißbierabstinenz auf Lebenszeit.
„We are very afraid to see you tonight.“
Ich schaute in die großen Augen meiner Kollegen Stefan und Markus. „Hat er das jetzt wirklich gesagt?“
Beide nickten, ungläubig vor Staunen.
„Und meint er damit, was wir drei glauben, dass er meint?“
In mir sträubte sich alles, die vermutlich gewollte Bedeutung des Satzes anzuerkennen, aber es gab keinenn Zweifel. Aus der „Freude, Sie heute Abend zu sehen“, wurde das wortwörtliche Gegenteil. Angst essen Freude auf, würde der gelernte Migrationshintergrundösterreicher wohl dazu sagen.
„Ein Klassiker“, meinte Stefan und bestellte sofort das nächste Weißbier. Markus hob nur stumm sein Glas, bis die tief dekolletierte Kellnerin ihn von seiner schweren Last erlöste und für lebensrettenden, weil das Denken betäubenden Nachschub sorgte.
Abschließend darf ich hoffen, dass Sie wieder ein bisschen Freude mit dieser Depesche des Kernölbotschafters haben – I hope you are afraid of it!

º Glashaus, stupid

Versende den Eintrag Drucke diesen Artikel 07.02.2011 º Autor

Gleicher Tag, gleiches Medium, andere Baustelle. Noch weiter daneben greift Die Presse-Redakteur Oliver Pink in seiner satirisch angehauchten Kolumne Pizzicato, indem er anlässlich des heute stattfindenden Finales im American Football, genannt Super Bowl, die Nationalsportart der Vereinigen Staaten als stupid abtut, die, weil bar jeder Rafinesse und Eleganz, sogar noch unter dem vergleichbar brutalen Boxen anzusiedeln sei.
Abgesehen von der oberlehrerhaften Arroganz, die aus seinen Zeilen trieft, offenbart Pink, dass er noch nie ein American-Football-Spiel gesehen hat, zumindest nicht mit dem Vorsatz, es auch nur im Ansatz verstehen zu wollen. Zur Rafinesse sei für ihn deshalb angemerkt, dass es bis zu 400 verschiedene Spielzüge in Angriff und Verteidigung gibt. Und was die Eleganz angeht, so empfehle ich dem Journalisten, falls wissbegierig, einmal den Begriff Interception return Touchdown nachzuschlagen. Hier fängt ein Spieler einen Pass des gegnerischen Angriffs ab und trägt das Spielgerät bis zu hundert Yards weit in die gegnerische Endzone, wobei es einiger fantasievoller Hackenschläge und meisterhafter Körperbeherrschung bedarf, um den Attacken der anstürmenden Verteidiger zu entgehen. Die Grundvoraussetzung, in voller Montur auch noch außerordentlich schnell laufen zu können, sei hier nur nebenbei erwähnt.
Pinks Anmaßung, derart eingebildet über den Nationalsport eines anderen Landes drüberzufahren, gibt sich vollends der Lächerlichkeit preis, wenn man bedenkt, wie viel Rafinesse und Eleganz in Veranstaltungen steckt, die wir Österreicher seit Jahrzehnten mit diesem Kärtchen schmücken. Da werden Naturburschen zu Volkshelden, nur weil sie es schaffen, mit zwei an die Füße geschnallten Brettern einen Berg in Abfahrtshocke schneller zu bezwingen als andere. Verletzt sich einer dieser modernen Gladiatoren oder endet ein Sturz gar letal, ist es bis zur Staatstrauer nicht mehr weit. Passiert das einem Exoten (= Fahrer eines Landes, in dem der Schisport nicht unbedingt heimisch ist), heißt es lapidar: The Show must go on.
Und wenn ich den Begriff Eleganz mit Fußball, unserem zweiten Liebkind, in Einklang bringen soll, fallen mir Namen wie Messi, Cristiano Ronaldo, David Beckham oder Franck Ribery ein. Heimische Spieler, die dieses Prädikat verdienen, sind entweder lange tot, lange pensioniert oder haben sich in den lukrativen Winkel der seichten Privat-TV-Unterhaltung zurückgezogen.
Als wirksames Mittel gegen Überheblichkeit aus Unkenntnis sei die heutige Live-Übertragung der Super Bowl auf Puls 4 wärmstens ans Herz gelegt. Dort gibt es zwei Experten, die nicht nur kompetent, sondern auch sehr launig kommentieren. Und auch gerne Anfängerfragen beantworten, wie stupid sie auch sein mögen.
Mit einem dreifachen „Down! – Set! – Hut!“ gebe ich der Hoffnung Ausdruck, dass Herr Pink gewillt ist, seine Steinchen aus der Hand zu legen und das Pizzicato-Glashaus zu verlassen. Drinnen sitzen zu bleiben bringt nur unsägliche Kolumnen hervor und verdirbt jedem Leser den im Grunde gebührenden Respekt vor der Presse.
Ich freue mich mit einer geschätzen Milliarde Menschen rund um den Planeten auf den ultimativen Showdown zwischen den Green Bay Packers und den Pittsburgh Steelers. Wie viele Zuschauer weltweit haben eigentlich das letzte Hahnenkamm-Rennen gesehen?